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Was macht Jungen aus?
Jungen orientieren sich an männlichen Vorbildern anders als
Mädchen. Sie wollen oft klarere und unmissverständlichere
Botschaften, wollen wissen was Sache ist, tragen aber immer eine
Sehnsucht, beschützt zu werden in sich.
Gerade in der heutigen Zeit, wo männliche Vorbilder fehlen und
der Einfluss moderner Medien die kindliche Seele prägen,
erleben sich Jungen zwischen Heldentum und
Verlassenheitsgefühlen und es fällt ihnen immer schwerer,
ihre eigene Identität zu finden.
Was brauchen Jungen von uns? Verlässliche
Bindungen und Halt, Mitgefühl, wenn einmal etwas
schiefläuft und wenn Konflikte entstehen, sollten diese
angesprochen und ausgetragen werden. Aber vor allem brauchen Jungen
unsere verlässliche Liebe, auch dann, wenn die schulischen
Leistungen nicht so gut sind, auch dann, wenn der sportliche
Ehrgeiz nachlässt…
Denn mit unserer sicheren Liebe können sie gestärkt ihren
Verpflichtungen nachkommen, ihre Ängstlichkeit überwinden
und sich ihren Anforderungen stellen.
Mein Baby Guide sprach mit Wolfgang
Bergmann, einem der profiliertesten Kinder- und Familientherapeuten
Deutschlands und als Autor von Sachbüchern zu psychologischen
und pädagogischen Themen weithin bekannt, über sein neues
Werk: Kleine Jungs — große Not.
Wolfgang Bergmann ist selbst Vater von drei Kindern.
Wie gelingt es uns, Jungen besser zu verstehen
— was macht sie aus, was geht in ihnen vor, was
denken und fühlen sie? Jungen müssen mit ihrer
Männlichkeit vertraut werden — sie ist ein Rollenbild,
dem sich ein kleiner Junge gar nicht entziehen kann und soll, und
sie ist gewissermaßen menschheitsgeschichtliches Erbe, bei dem
zwischen Bios und Kultur/Erziehung nicht vernünftig
unterschieden werden kann. Jungen wollen Hierarchien und streben
sie an, sie werden bis zum 10. Lebensjahr (mindestens) auch
körperlich ausgetragen, bei den aggressiven Jungen auch noch
zehn Jahre später, Jungen sind sehr viel mehr nach außen
gewendet, ihr Wissen ist häufig wesentlich ein
„Handlungswissen“ (das dann unterschiedlich sublimierte
Formen annehmen kann, in Kunst, Schrift usw.), sie orientieren sich
am väterlichen Vorbild anders als die Mädchen, sie suchen
dementsprechend auch bei Erziehern, Lehrern usw. andere Arten der
Ansprache, deutlicher, unumgänglicher, in gewisser Weise
„autoritärer“ und zugleich immer mit der
Sehnsucht, beschützt zu werden.
Wie können Eltern Jungen stärken und ihnen mehr
Halt und Sicherheit geben? Mütter: indem sie ihre
Söhne lieben, aber nicht verhätscheln, das lassen die
sich gern gefallen, solange sie nicht in die Pubertät gekommen
sind, geraten dann aber auf dem Schulhof und in Jungengruppen in
seelischen Zwiespalt, den manche nicht lösen
können.
Väter: indem sie für ihre Söhne (und für sich
selber) starke Väter sind, das heißt: verlässlich
auf Biegen und Brechen, stolz auf ihren Sohn, auch dann, wenn der
in einer Schulnote oder im Sport scheitert, und gleichzeitig wollen
die Jungen, dass ihre Väter die Welt begreifen und ein wenig
auch im Griff haben - kein Wunder also, dass allzu sanfte
Väter wie allzu nachgiebige Lehrer bei Jungen wenig angesehen
sind.
Was bedeutet männliche Identität und wie entsteht
sie? Großes Thema, Männlichkeit ist
Kulturgeschichte, die in jeder Gesellschaft andere Formen annimmt,
aber mindestens seit einem Jahrtausend universale männliche
Züge hat, in allen uns bekannten Kulturkreisen.
Männlichkeit hat mit Bemächtigung der Welt zu tun, in der
westlichen Kultur geprägt von Beherrschung der Natur,
Maschinenkraft und Entdeckerlust, oft verschwistert mit
soldatischen Idealen, die aber spätestens mit dem 2. Weltkrieg
in eine Katastrophe führten. Seither ist das westliche
Männerbild erschüttert, eine große Unsicherheit
kennzeichnet die Erziehung der Jungen seither: Der alte soldatische
prügelnde Männertypus ist in einer Wissensgesellschaft
obsolet, nicht lebbar, die Katastrophe der Kriege hat dieses Bild
ethisch und im Bewusstsein der Völker entidealisiert, ein
neues Männerbild, das die Erziehung der Jungen leitet, ist
bisher kaum entfaltet worden. Dieses Ungefähre macht den
Jungen zu schaffen.
Wie verläuft eine stabile
Persönlichkeitsentwicklung bei Jungen, was braucht es dazu,
was bedeutet: sicher gebunden
sein?
Sichere Bindung brauchen alle Kinder, unabhängig vom
Geschlecht. Sichere Bindung heißt: Ich werde von Mama und Papa
wahrgenommen, ich werde umsorgt und geliebt, ich bin in dieser Welt
zuhause, dieses Urvertrauen mischt sich mit der natürlichen
Daseinslsut eines Kindes - erst dann kann es sich mutig und
geordnet auf die Welt der Objekte einlassen, entdeckerfreudig, weil
von inneren und äußeren Sicherheiten getragen, und
behutsam, weil es sich selber als eigenständiges Wesen in
seiner Eigenart erfahren hat und nun neugierig auf die Eigenarten
und Eigengesetzlichkeiten der anderen Menschen und Dinge ist.
Wann ist die moderne Familie „verlässlich“
genug? Wenn bis zum 18. Lebensmonat die Bindung zu Mama,
Papa und einer weiteren vertrauten erwachsenen Person nicht
abreißt, ab dem 18. Monat etwa entfalten Kinder ein eigenes
Selbst-Gefühl, können nun auch eigenständiger die
Welt erfassen und sich selbstständiger in ihr zurechtfinden.
Verlässlich muss eine Familie aber auch dann sein, wenn die
Schule mit ihren Ängsten ein Kind bedrückt, wenn es
scheitert oder von seinen Freunden im Stich gelassen wird -
verlässlich sind Eltern, wenn sie bedingungslos lieben.
Wie verhält sich die Mutter richtig im Umgang mit ihrem
Sohn? Genau so, aber Liebe ist nicht Tüttelei, Liebe
ist auch nicht fortwährend fördern und motivieren, Liebe
ist nicht, eine perfekte Mutter sein zu wollen — mir
fällt ein Gedicht von Erich Fried dazu ein: Liebe ist, was sie
ist.
Wie gelingt es ihr, loszulassen, nicht alles zu regeln und zu
kontrollieren, warum ist das wichtig? Überregulierte
Kinder, Jungen vermutlich mehr als Mädchen, werden
unselbständig, sie erwarten von der ganzen Welt, dass sie von
ihr umsorgt und umhegt werden, sie spannen keinen eigenen Willen,
keinen Eigensinn, insofern behält ihr Charakter etwas Passives
- in Krisensituationen sind sie völlig hilflos.
Übermäßig kontrollierte Kinder neigen im
Übrigen dazu, auf Versagen depressiv zu reagieren - zuviel
Kontrolle führt paradoxerweise dazu, dass die kleinen Jungen
immer ängstlicher werden und sich zuletzt auf eine
hartnäckige Art verweigern, zu Schulverweigerern oder
-versagern werden, und angesichts ihrer tief verinnerlichten
Ängste nur noch schwer auf einen lebensmutigeren Weg zu locken
sind.
Wann gewinnt der Vater an Bedeutung, worin besteht diese
Bedeutung und wie kann man sie optimal nützen? Nach
ca. vier bis fünf Monaten richtet sich die Neugier und das
erwachsende Selbstgefühl zunehmend auf die Außenwelt,
dann löst sich ein Kind von der Umsorgung und Pflege der
Mutter und sucht neben der fürsorglichen „Mama“
ein „Drittes“, eine Ergänzung, die das kollusive,
innige Bindungsverhältnis von Mutter und Kind erweitert,
überschreitet, in eine objektivere Welt einführt.
Auch fütternde und wickelnde Väter behalten im Seelischen
diese Bedeutung des „Dritten“, sie können die
Mutter ablösen, aber das Mütterliche in der frühen
Kindheit können sie nicht ersetzen und sollen es auch
nicht.
Was passiert mit Jungen, wenn männliche Vorbilder
fehlen? Jungen ohne männliche Vorbilder werden oft
passiv, sie lösen sich nicht von der Sehnsucht, permanent
versorgt zu werden, sie neigen dann oft zu einer Trägheit, die
angesichts eines Scheiterns bei Freunden oder in der Schule leicht
in Depression versinkt. In der beginnenden Pubertät zeigen
sich die inneren Konflikte eines Jungen ohne
„ausreichenden“ Vater darin, dass er zwischen
infantiler Versorgungssehnsucht und einem ungestümen
„Ich will die ganze Welt beherrschen, alle müssen tun,
was ich will“ hin und her gezogen wird und Mühe hat, zu
einer kohärenten Identität zu finden.
Buchtipp: Kleine Jungs - große Not
Wolfgang Bergmann
Beltz

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