|
Wie soll eine Frau, die noch
nie operiert wurde und noch kein Kind zur Welt gebracht hat,
über die Folgen einer Kaiserschnitt-Operation Bescheid
wissen?
Die erste Schwangerschaft steht unter dem Zeichen der
Unsicherheit, was in der gängigen gynäkologischen Praxis
viel zu oft noch verstärkt wird. Der Geburtsvorgang selber ist
in unserer Kultur derartig überdramatisiert, dass der immerhin
planbare Kaiserschnitt als bester Ausweg erscheint. Dabei vergisst
man zu häufig, dass eine gesunde Frau - gleichgültig
übrigens, wie alt sie ist - mit einem Kind in Längslage
am Ende der Schwangerschaft und einer gesicherten Hebammenbetreuung
eine Chance von rund 95 Prozent auf einen guten Geburtsausgang hat,
wenn die Wehen spontan beginnen können.
„Gut“ bedeutet: keine Schädigung des Kindes und
höchstens oberflächliche Verletzungen bei der Mutter. Die
Entscheidung zur Operation hingegen bedeutet eine sichere
Verletzung für die Mutter und einen nicht unerheblichen - weil
unphysiologischen - Stress für das Kind.
Der so genannte „Wunschkaiserschnitt“ ist in fast
allen Fällen eher ein "Angst-Kaiserschnitt", denn entweder hat
die Schwangere soviel Angst, dass sie keinen anderen Ausweg sieht,
oder aber die medizinische Betreuung versteckt ihre Angst hinter
der „Ablehnung von Verantwortung“. Es gibt nur einige
wenige Situationen, die einen Kaiserschnitt als Notoperation
erforderlich machen. Eine Steißlagengeburt gehört z. B.
nicht dazu.
Wenn aus betriebswirtschaftlicher Sicht die Kaiserschnittquote
hoch gehalten werden muss und zum Teil sogar 40 Prozent oder mehr
erreicht, wird nur noch das operative Geschick geschult, das
geburtshilfliche Know-how jedoch gerät mehr und mehr ins
Notwendiger Kaiserschnitt aus mütterlicher
Sicht:
wenn das Becken der Frau rachitisch ist, was in unseren Breiten
und bei dem insgesamt eher guten Ernährungs- und
Entwicklungszustand praktisch nicht vorkommt, oder wenn z. B. ein
großer Tumor im Beckenbereich den Ausgang für das Kind
verlegt.
Aus mütterlicher und kindlicher Sicht:
Bei einer vorliegenden Plazenta oder bei einer kindlichen
Geburtsunmöglichkeit, die sich nicht korrigieren lässt,
z. B. bei einer „verschleppten“ Querlage.
Heute werden viele Kaiserschnitte ohne medizinische Indikation
durchgeführt. Das belegt auch eine im Buch „Der
Kaiserschnitt hat kein Gesicht“ veröffentlichte
Befragung unter 156 Geburtshelferinnen und Geburtshelfern. Die
Gründe für unnötige Kaiserschnitt- Operationen sind
demnach vor allem in der „Angst vor der Geburt“
(Schwangere: Angst vor den Wehenschmerzen; GeburtshelferInnen:
Angst vor forensischen Konsequenzen im Falle von Komplikationen bei
schwierigen Vaginalgeburten), in dem „gesellschaftlichen
Trend“ und dem somit erzwungenen Wunsch, der mangelhaften
Ausbildung und fehlenden geburtshilflichen Erfahrung seitens der
GeburtshelferInnen, Ungeduld seitens der Schwangeren und
GeburtshelferInnen, Bequemlichkeit (Abgeben der Verantwortung,
bessere Planbarkeit) sowie der mangelhaften Aufklärung von
Schwangeren im Vorfeld der Operation zu suchen.
Wenn die entsprechenden Voraussetzungen erfüllt sind (s.
WHO-Richtlinien), ist unter den heutigen Standards eine Geburt an
jedem von der Frau gewünschten Ort möglich und sicher.
Speziell erfahrene Geburtsbetreuerinnen sind
(Hausgeburts-)Hebammen. Sie bilden sich so fort, dass sie die
Selbstregulation der normalen Geburt zu würdigen wissen. Daher
arbeiten sie nicht mit unsteuerbaren Verfahren und wissen, wann
eine Geburt in medizinische Betreuung gehört.
Ungestört verläuft dann der Gebärprozess am
besten im eigenen Zuhause, es geht aber auch das Geburtshaus oder
ein so genannter „Beleg- oder Hebammenkreißsaal“.
Hebammen sehen in einer Geburt einen sexuellen Vorgang und
versuchen, ihn dementsprechend zu schützen. Nur dann kommt die
Frau zu ihrer vollen Endorphin-Ausschüttung, die sie die
Geburt gut bewältigen lässt. Viele, medizinisch noch
ungeklärte Informationssysteme spielen so zusammen, dass weder
der Frau noch dem Kind etwas passiert und dass nach dem Ereignis
die wichtigen ersten Schritte zu einer sicheren Bindung leicht
vollzogen werden können.
Der Einblick in das eigene psychische und physische
Vermögen erlaubt es der Frau, die oft anstrengenden ersten
Monate besser zu durchstehen, länger zu stillen und bahnt
durchaus einen weiteren Kinderwunsch. Entgegen der
landläufigen Meinung ist der Kaiserschnitt für ein Kind
nicht stressfrei. Im Gegenteil: es erlebt eine Situation, auf die
es genetisch nicht eingestellt ist. Für das Kind passiert fast
alles gleichzeitig: Zuerst merkt es, wie das Fruchtwasser weniger
wird und wie ein Gefühl von Oben und Unten entsteht. Dann
greifen überraschend Hände nach ihm. Sie drehen und
winden es aus dem engen Bauchschnitt heraus ans OP-Licht und halten
es in die Kälte.
Nun wird die Verbindung zur Plazenta, die Nabelschnur,
durchtrennt. Von jetzt auf gleich müssen alle seine Organe
funktionieren, sonst überlebt es vielleicht nicht. Bis es zur
Mutter oder zum Vater kommt, geht es oft noch durch die Hände
der Hebamme und des Anästhesisten. Der Kontakt, der von ihm
erwartet wird und der es tröstet, findet erst viel später
statt. Das Kind weiß allerdings noch nicht, was
„warten“ bedeutet und wie lange es dauert. Es befindet
sich in einer subjektiven Ewigkeit und alles ist irgendwie
„falsch“. Etwa fünfmal so viele Kinder wie nach
einer vaginalen Geburt werden nach einer Sectio krank auf die
Kinderstation (Neonatologie) verlegt. In erster Linie sind es
Lungenprobleme, die ihnen zu schaffen machen (oftmals
„Adaptionsstörungen“ genannt). Davon abgesehen
wirkt sich eine Sectio negativ auf die kindliche Darmflora aus:
Durch Kaiserschnitt geborene Kinder sind den Luft- und Hautkeimen
des OP-Personals ausgesetzt. Während einer vaginalen Geburt
wird der Magen-Darm-Trakt des Babys mit den Keimen und Bakterien
der Darm- und Vaginalflora seiner Mutter beimpft. Dies ist nach
neuen Erkenntnissen die Voraussetzung für die Entwicklung
eines gut funktionierenden Immunsystems.
Man weiß heute, dass diese anfängliche Prägung
vom ersten Lebenstag bis in das Erwachsenenalter von großer
Bedeutung für die Gesundheit ist. Eine spätere
Allergieneigung von Kaiserschnitt-Kindern könnte daher auch
mit der nicht vorhandenen Erst-Impfung durch die mütterliche
Darm- und Vaginalflora in Zusammenhang gebracht werden. Bei einem
Kaiserschnitt wird die Schwangere zur Patientin, die junge Mutter
zu einer zumindest vorübergehend pflegebedürftigen Frau.
Alltägliche Handgriffe, aber auch z.B. der Gang zur Toilette
oder das Stillen sind häufig durch Schmerzen der
Kaiserschnitt-Naht erschwert und behindern nicht selten die
liebevolle Beziehungsaufnahme („Bonding“) mit dem Kind.
Befinden sich ältere Geschwisterkinder im Haus, ist nach einer
Kaiserschnitt-Operation Unterstützung im Haushalt dringend
anzuraten, denn in den ersten Wochen und Monaten darf die operierte
Mutter keine schweren Lasten heben und sollte ausreichend Zeit
finden, sich vom operativen Eingriff zu erholen. Das Gefühl,
die Geburt nicht eigenständig gemeistert zu haben, begleitet
viele Frauen über Jahre und Jahrzehnte.
Speziell dann, wenn die Operation überraschend über
die Frau hereinbrach und keine Aufklärung im Vorfeld
stattfand, sind Kaiserschnitt-Mütter nicht selten
traumatisiert. Auch spielt das Umfeld der Frau eine Rolle, das eine
Kaiserschnitt-Operation nicht selten als
„Lifestyle-Eingriff“ sieht und sich über die
massiven Auswirkungen auf Psyche und Körperlichkeit der jungen
Mutter oftmals nicht im Klaren ist. Während z.B. der Partner
die Kaiserschnitt-Narbe zumeist nicht als störend empfindet,
haben Kaiserschnitt- Mütter oftmals ein Problem mit der
Akzeptanz dieses im Durchschnitt rund 15 cm langen Schnittes. Zumal
dann, wenn der Schnitt nicht schön verheilt ist oder im
täglichen Leben bzw. beim Austausch von Zärtlichkeiten
mit dem Partner schmerzt, zieht oder die Frau ein (innerliches)
Reißen verspürt. Bei Problemen mit der
Kaiserschnitt-Narbe ist eine Narbentherapie sinnvoll. Diese kann
auf verschiedene Arten erfolgen, z.B. durch Neuraltherapie
(Narbenentstörung), Akupunktmassage nach Penzel (APM),
Manuelle Narbentherapie nach Boeger oder Unterdruck-Vakuum-Massage.
Eine weitere Option ist die chirurgische Korrektur von
Kaiserschnitt-Narben. Diese kann jedoch eine weitere
Nervenschädigung des bereits in Mitleidenschaft gezogenen
Gewebes zur Folge haben. Das Fotobuch zum Thema Kaiserschnitt
(Caroline Oblasser, Ulrike Ebner, Gudrun Wesp (Fotos), "Der
Kaiserschnitt hat kein Gesicht“, edition riedenburg 2007)
zeigt erstmals die Folgen von Kaiserschnitt-Operationen in Wort und
Bild. 162 Kaiserschnitt- Mütter im Alter von 20 bis 77 Jahren,
mit einer, zwei, drei oder sogar vier Kaiserschnitt-Operationen,
wurden für das Buch befragt. Sie alle geben offen und ehrlich
Auskunft, 60 Mütter zeigen darüber hinaus ihre
Kaiserschnitt-Narbe.
Spätestens hier wird deutlich, dass die Erfahrungen mit
Kaiserschnitt-Operationen höchst unterschiedlich sein
können. Sie reichen vom traumatischen Erleben bis hin zur
großen Erleichterung, ein gesundes Kind geboren zu haben. Die
Kaiserschnittnarbe kann wenig sichtbar sein oder wulstig, hell oder
rötlich, sie kann körperliche Beschwerden verursachen
oder keine Probleme machen. So unterschiedlich die
Kaiserschnitt-Erfahrungen im Buch auch sein mögen, in einem
Punkt sind sich die befragten Mütter absolut einig: Sie
fordern, einen Kaiserschnitt nur im dringenden Notfall
durchzuführen und diese Form der operativen Geburt keinesfalls
als Alternative zur Spontangeburt zu betrachten bzw.
einzusetzen.
Frauen, die Angst vor einer spontanen Geburt haben, sollten das
Betreuungsangebot erfahrener Hebammen und Geburtsbegleiterinnen in
Anspruch nehmen und mit Müttern Kontakt suchen, die
erfolgreich spontan geboren haben.
Wichtig ist auch zu wissen, dass ein vorangehender Kaiserschnitt
sehr häufig zu einem neuerlichen Kaiserschnitt führt und
dass etliche der ärztlichen GeburtshelferInnen nach einem
dritten Kaiserschnitt der Frau zu einer Sterilisation raten. Schon
allein dadurch wird deutlich, dass ein Kaiserschnitt niemals die
vaginale Geburt vollwertig ersetzen kann. Für die Mutter ist
und bleibt er eine große Bauch-Operation mit allen
Nebenwirkungen.
Autorinnen:
Anna Rockel-Loenhoff, Unna (Ärztin und Hausgeburtshebamme mit
über 30 Jahren Berufserfahrung)
Dr. Caroline Oblasser (Autorin von „Der Kaiserschnitt hat
kein Gesicht“)
Buchtipp:
Der Kaiserschnitt hat kein Gesicht
von Caroline Oblasser, Ulrike Ebner und Gudrun Wesp (Fotos)
edition riedenburg
|